
Das Maschinenmodell, das wir alle kennen
Wir sind aufgewachsen mit einer bestimmten Vorstellung vom Körper: Ein Gerät mit Einzelteilen, das man reparieren kann.
Müde? Eisenmangel beheben. Erschöpft? Mehr schlafen. Hormonspiegel niedrig? Auffüllen und fertig.
Dieses Maschinendenken hat uns ja auch viel gebracht! Wertvolle, lebensrettende und erhaltende Errungenschaften wie zum Beispiel Antibiotika, Chirurgie, Labortests. Aber bei chronischen Verlaufsformen gehört eine andere Sicht, individuellere Sicht dazu. Alte Weise wie zB Avicenna, Paracelsus, erkannten das.
Auch bei chronischer Erschöpfung stößt es an seine Grenzen. Denn wer jahrelang erschöpft ist, hat meistens schon alles „reparieren“ lassen und sich trotzdem nicht besser gefühlt.
Was die neue Wissenschaft zeigt
Die Molekularbiologin Ewa Grzybowska bringt es treffend auf den Punkt: Die lebende Zelle, einst als präzise molekulare Fabrik gedacht, erweist sich als improvisierende Jazz-Kapelle.
„Gene sind keine Baupläne, sondern Texte, die von den Zellen fortlaufend interpretiert werden.“
Das alte Dogma, ein Gen, ein Protein, eine Funktion, ist längst überholt. Proteine können ihre Form wechseln, ihre Funktion anpassen, oder sogar strukturlos bleiben und trotzdem wirken. Das Konzept der intrinsisch unstrukturierten Proteine (IDPs) zeigt: Flexibilität ist kein Fehler im System, sie ist das System.
Auch die Epigenetik bestätigt: Gene werden nicht einfach abgelesen, sie werden interpretiert, je nach Umfeld, Stress, Schlaf, Ernährung, emotionalem Zustand und sogar gelebten Erfahrungen unserer Vorfahren.
Warum das auch für chronische Erschöpfung so wichtig ist
Wer unter chronischer Erschöpfung leidet, trägt selten nur ein einzelnes Problem. Es ist ein Zusammenspiel: Mitochondrien, die unter oxidativem Stress leiden. Hormone, die in einem fein abgestimmten Gleichgewicht stehen. Ein Darm-Mikrobiom, das das Immunsystem täglich mitgestaltet. Nervensystem und Cortisolkurve, die auf frühere Belastungen reagieren.
Ein Körper, der erschöpft ist, improvisiert. Er verschiebt Energie, priorisiert Überleben, drosselt alles Nicht-Essenzielle. Das ist keine Fehlfunktion, das ist eine Schutzreaktion.
Chronische Erschöpfung ist eine Botschaft des Systems.
Wenn wir nur einzelne Parameter „reparieren“, ohne das Gesamtsystem zu verstehen, arbeiten wir gegen die Intelligenz des Körpers, nicht mit ihr.
Mein Ansatz in der Praxis
Genau aus diesem Grund arbeite ich in der Praxis für Erschöpfung nicht mit Checklisten, sondern mit dem Gesamtbild.
Ich kombiniere orthomolekulare Medizin, Hormonstatus, Darmdiagnostik, Infusionstherapie mit der Konstitutionsmedizin zu einem individualisierten Behandlungskonzept. Weil Dein Körper keine Maschine ist, gibt es auch keine Standard-Reparatur.
Quellen & weiterführende Literatur
Grzybowska, E. A. (iai news, 2024): Organisms, not machines
Tompa, P. (2010): Structure and Function of Intrinsically Disordered Proteins
Carey, N. (2011): The Epigenetics Revolution
Entdecke mehr von Für mehr Energie | Heilpraktikerin-Apothekerin Öznur Acar
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