Übersäuerung-Mythos, Hype oder Fakt?

In diesem Artikel möchte ich auf ein Phänomen eingehen, welches oft missinterpretiert und falsch verstanden wird.
Übersäuerungen gibt es. Sie begegnen mir auch in meiner Praxis . Vor allem kann man ein entsprechend übersäuertes Bindegewebe auch ertasten.
Aber oft habe ich das Gefühl, dass das Thema marketingtechnisch gerne missbraucht wird.
Stress, Leistungsgesellschaft, Fehlernährungen. Und die Folge daraus?
„Übersäuerung“
„Du bist übersäuert“
„Ich kaufe mir jetzt Basentabletten. Ich bin übersäuert.“
Das sind Sätze, die sehr schnell fallen.
Es ist ja bekannt, dass die moderne Lebens- und Ernährungsweise nicht allzu viel dazu beiträgt, damit die körpereigenen Systeme effektiv überschüssige Säuren ausbalancieren können. Nur ist es eben nicht so einfach, wie es oft abgehandelt wird.
Nun schauen wir uns doch vorerst mal an, was diese legendäre Säure ist. Ich denke ,dass das jede/r von uns aus der Schule kennt. Somit sollte es jetzt kein wissenschaftlich kompliziertes Thema sein.

Wie sauer ein Milieu ist, wird bestimmt durch die Konzentration an Wasserstoff Ionen. Eine Säure ist somit eine Verbindung, die durch Abgabe eines Wasserstoff Ions ein Milieu saurer machen kann. Eine Base hingegen ist eine Verbindung, die Wasserstoffionen aufnehmen kann.
Gemessen wird das mit dem sogenannten pH-Wert. Je niedriger er ist, umso saurer ist es und je höher, umso alkalischer.

Einfache Theorie, die im Reagenzglas auch ziemlich gut funktioniert.
Und wie sieht es mit dem Körper aus?

Eine klassische pH Werte Skala (Bild: Canva Design)

Die raffinierten Systeme unseres Körpers

Jedes Kompartiment unseres Körpers, hat seinen eigenen pH-Wert. Ich möchte einige Beispiele nennen:

►Arterielles Blut: 7,4
►Blutplasma: 7,3
►Intrazellulär (in der Zelle): 7,2
►Mitochondrien: 8
►Pankreassaft: 8,1
►Magensaft: ~1
►Speichel: 6,2-7,2


Sie sehen also, dass es – angefangen im Mund, bis zur Vollendung der Verdauung, ziemlich unterschiedlich ist. Das hat auch seinen Sinn. Denn so selektiert der Verdauungstrakt ganz geschickt Nahrungsbestandteile, die ja dann irgendwann zu wertvollen Bausteinen werden sollten.

Der Körper gleicht gut aus, wenn er gut genug funktionieren kann (Bild: Canva Design)


An den Werten oben können Sie unschwer erkennen, dass der Körper im Grunde genügend Basen hat. So perfekt wie Mutter Natur eben auch ist, gibt es auch genügend ausgeklügelte Systeme, die im Optimalfall auch ein gutes, je nach Kompartiment passendes Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen herstellen.
Aber das Bindegewebe kann durchaus auch mal übersäuert sein, wenn lange Zeit genug Raubbau betrieben wird. Irgendwann füllt sich im Laufe des Lebens das Fass und läuft über.

Kollagenes Bindegewebe unterm Mikroskop. Hier kann sich tatsächlich gerne mal was ablagern, wenn das Milieu lange genug nicht stimmt! (Bild: Canva Design)

Messung mit Teststreifen aus dem Urin

Ich wende in meiner Praxis die traditionelle Harnschau an. (Meine Patient*Innen schauen mir da gerne zu, während ich ein Farbspiel hervorzaubere.)
Natürlich hänge ich dann einen Teststreifen in den Morgenurin. Aber mir ist auch klar, dass es eher eine Momentaufnahme ist.
Wenn zB Patient*Innen am Vortag sich im Milchschokoladenkonsum vergreifen, dann sieht man im Urin, dass das Pankreas kurzfristig mit einer Fettbelastung konfrontiert worden ist. Das muss also nicht heißen, dass das Pankreas grundsätzlich überlastet ist.

So auch mit der Säure. Erst in Kombination mit den anderen diagnostischen Methoden kann ich wirklich daraus schließen, dass es sich eventuell tatsächlich um eine Übersäuerung handeln könnte.

Nur wenn Patient*Innen im Morgenurin regelmäßig einen pH-Wert von 6 und mehr messen, mache ich mir Sorgen. Das bedeutet für mich, dass der Körper nicht effektiv genug ausscheidet.

Wenn der Morgenurin sauer ist, ist alles in Ordnung. Denn die Leber arbeitet nachts; die ausscheidungspflichtigen Stoffe werden ausgeschwemmt. Es ist also ganz normal, dass der Teststreifen in der früh eher einen niedrigeren pH-Wert anzeigt.

Am effektivsten wäre in meinen Augen ein 24 Stunden Sammelurin. Wenn dieser einen basischen Wert hat, dann wäre Entwarnung angesagt.

Was kann man tun bei Übersäuerung?

Es gibt akute Situationen von Übersäuerung, die Patient*Innen wirklich körperlich spüren. Schmerzen und Entzündungen in Gelenken, Schlappheit und Energielosigkeit, Krämpfe sind einige Symptome. Wenn man schon etwas nimmt, dann bin ich für so etwas wie Neukönigsförder Mineralsalze oder sonstige gute, Mineralmischungen, die basisch verstoffwechselt werden. Nur sollte man sich hüten davor, Basenpulver wie Natron einzunehmen. Denn wenn Sie nochmal oben nachsehen, wie unterschiedlich pH-Werte in verschiedenen Körpersäften und Kompartimenten sind, werden sogar Sie als Laie erkennen, dass es wenig Sinn ergibt.

Ebenfalls sehr effektiv ist, Zitronensaft ins Trinkwasser zu geben. Die Zitrone (oder auch Essig) enthält schwache organische Säuren, die im Körper eher basisch wirken.

Am Sinnvollsten ist es, die körpereigenen, gut funktionierenden Systeme über eine Ernährungsweise zu kompensieren, die entsprechend verstoffwechselt wird und auch für ein basisches Milieu sorgt.

Nicht jede Konstitution und das dazugehörige Temperament kann sich gleich ernähren! Da muss man individuell nachjustieren.

Basische Nahrungsmittel. Aber nicht für jede Konstitution kann man einheitliches empfehlen (Bild: Canva Design)

In der Praxis

In meiner Praxis habe ich schnell erkannt, dass Behandlungen entweder nicht greifen oder Symptome wiederkehren, wenn die Zwischenzellräume „vermüllt“ sind. Stellen Sie sich vor, dass ihr Müll einen Monat lang nicht abgeholt wird! Genau so ist es im Körper.

Die Zellen sind ständig im regen Austausch. Wenn die Zellzwischenräume allerdings vermüllt sind, dann funktioniert der Austausch eben nicht mehr.

In solchen Fällen nutze ich gerne Infusionen. Erst, wenn hier aufgeräumt wird, dann kann effektiv behandelt werden.

(Quellen: ZfN Fortbildungsmaterialien,
http://www.physiologie.cc
Elvira Bierbach, Praxis für Naturheilkunde
Meine Praxiserfahrungen)


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Veröffentlicht von Öznur Acar

Heilpraktikerin und Apothekerin, die nach Berufserfahrungen in der öffentlichen Apotheke, die Heilkunde als Leidenschaft entdeckt hat und aus ganzem Herzen lebt. Ich sehe meine Tätigkeit als Heilkunst.

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