Herz-Gehirn Kohärenz- und was das mit Vielfalt zu tun hat


Neulich bin ich in ZEIT WISSEN über ein Gespräch mit dem Psychophysiologen Julian Thayer gestolpert. Darin beschreibt er, wie eng unser Herz mit dem Gehirn verbunden ist – und warum kulturelle Vielfalt nicht nur schön, sondern buchstäblich gesund sein kann. Ein Herzensthema- auch in meiner Praxis; seitdem ich mit meiner Kollegin Idzumi Neumärker gemeinsam einen Artikel für das Naturheilkunde Kompakt Magazin geschrieben habe.

Thayer ist nicht nur Psychophysiologe, sondern auch passionierter Jazzmusiker! Er forscht seit vielen Jahren daran, wie der Körper auf Stress reagiert und welche Rolle der Vagusnerv dabei spielt.

Dieser lange 10.Hirnnerv zieht vom Gehirn durch den ganzen Körper und verbindet unter anderem Herz, Lunge und Verdauungssystem. Man kann ihn sich wie eine Art Informationsautobahn vorstellen, auf der Signale in beide Richtungen fließen: vom Gehirn zum Körper und vom Körper zurück ins Gehirn.

Die Herz Raten Variabilität

Ein zentrales Maß in dieser Forschung ist die sogenannte Herzratenvariabilität (HRV). Sie beschreibt, wie stark die Zeitabstände zwischen zwei Herzschlägen schwanken. Ein gesundes Herz schlägt eben nicht wie ein Metronom, sondern passt sich ständig flexibel an – mal schneller, mal langsamer. Je variabler diese Abstände sind, desto besser kann unser Organismus auf Herausforderungen reagieren. Eine hohe HRV gilt deshalb als Zeichen von Resilienz und guter Gesundheit.

Spannend wird es, wenn man sich anschaut, was chronischer Stress mit dieser Flexibilität macht. Thayer und andere Forschende konnten zeigen, dass länger anhaltender Stress – etwa durch finanzielle Sorgen, belastende Arbeitsbedingungen oder wiederholte Diskriminierungdie Herzratenvariabilität senkt. Der Körper bleibt dann gewissermaßen im Alarmmodus stecken, der Vagusnerv bremst nicht mehr so effektiv, und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt.

Damit bekommt kulturelle Vielfalt eine ganz neue Dimension. Denn wenn bestimmte Gruppen in einer Gesellschaft systematisch benachteiligt oder abgewertet werden, bedeutet das für die Betroffenen einen dauerhaften Stressor. Studien mit Menschen, die regelmäßig Diskriminierung erleben, zeigen genau dieses Muster: eine schlechtere HRV und häufiger gesundheitliche Probleme. Eine offene, vielfältige Gesellschaft, in der Menschen sich sicher und akzeptiert fühlen, ist also nicht nur ein moralisches Ideal, sondern wirkt direkt bis in den Herzrhythmus hinein.

Was können wir daraus für unseren Alltag mitnehmen? Zum einen lohnt es sich, gut für den eigenen Vagusnerv zu sorgen. Ruhige, tiefe Atmung, Meditation, bewusste Pausen und Bewegung können die Aktivität des Vagusnervs stärken und die Herzratenvariabilität verbessern. Vor allem aber spielt soziale Verbundenheit eine große Rolle: wertschätzende Beziehungen, Zugehörigkeit, echte Begegnungen – gerade auch über kulturelle Grenzen hinweg.

Zum anderen erinnert mich Thayers Forschung daran, dass unser Umgang miteinander nie nur „privat“ ist. Jede Situation, in der wir jemanden ausschließen, abwerten oder herabwürdigen, hat körperliche Folgen – oft nicht sichtbar, aber messbar im Herzschlag. Und jede Erfahrung von Respekt, Interesse und Anerkennung kann entlasten und heilsam wirken.


Immer wieder fällt mir auf:

Eine Schulung in Institutionen, Unternehmen, Ämtern in Sachen Antirassismus und Diskriminierung ist unumgänglich für ein effektives Miteinander; ohne Benachteiligungen für gewisse Gruppen.

Seit ich diesen Artikel gelesen habe, schaue ich anders auf mein eigenes Umfeld: auf die Vielfalt in der Nachbarschaft, im Büro, in der U‑Bahn in München. Vielleicht ist es genau diese bunte Mischung, die unserem kollektiven Herz guttut. Die Frage, die ich mir und Ihnen zum Schluss stelle: Welche Begegnung mit Vielfalt hat Ihr Herz zuletzt ein bisschen ruhiger – oder vor Freude schneller – schlagen lassen?




  1. https://www.zeit.de/zeit-wissen/2025/06/vagusnerv-herz-gehirn-psychophysiologie-forschung
  2. https://www.zeit.de/gesundheit/2025-11/herz-gehirn-vagusnerv-psychosomatik-wissen-podcast
  3. https://neuromadlab.com/de/2023/07/16/ard-interview-zu-vagusnerv-stimulation/
  4. https://www.oberhavel-kliniken.de/site-storages/brustzentrum-storage/user_upload/HERZheute_2-2025_PD-Dr-Cora-Stefanie-Weber_Herz-und-Hirn-Vagusnerv_2025.pdf
  5. https://neuromadlab.com/de/2023/07/16/ard-interview-zu-vagusnerv-stimulation/

Veröffentlicht von Öznur Acar

Heilpraktikerin und Apothekerin, die nach Berufserfahrungen in der öffentlichen Apotheke, die Heilkunde als Leidenschaft entdeckt hat und aus ganzem Herzen lebt. Ich sehe meine Tätigkeit als Heilkunst.

Hinterlasse einen Kommentar