Die Blutwerte stimmen, aber du bist immernoch jeden Tag auf Sparflamme unterwegs.
Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du nicht allein, und du bildest dir nichts ein. Die aktuelle Forschung zu chronischer Erschöpfung bei Frauen zeigt gerade, wie viele blinde Flecken es in der Diagnostik noch gibt, und liefert gleichzeitig neue Ansatzpunkte, warum Frauenkörper hier eine eigene Betrachtung brauchen. Einfach nur der Stress und die Doppelbelastung alleine als Begründung ist etwas zu kurz gegriffen. Natürlich hat man bei der Frau diesen Aspekt auch, aber es ist nicht nur das.
Der Zusammenhang zwischen Wechseljahren und chronischer Erschöpfung
Im Mai 2026 veröffentlichte ein Forschungsteam der University of Salford (Humphreys et al.) eine Übersichtsarbeit, die erstmals systematisch untersucht hat, wie Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) und die Menopause zusammenhängen. Das Ergebnis war offensichtlich ernüchternd, denn Studien dazu gab es sehr wenige.
Was sich aber trotz der dünnen Studienlage klar zeigte:
Frauen mit ME/CFS berichteten deutlich häufiger von starken Regelschmerzen und -blutungen, Endometriose-Diagnosen und damit verbundenen Operationen als Frauen ohne die Erkrankung. Und viele Betroffene erlebten, dass sich ihre Erschöpfungssymptome mit Eintritt in die Wechseljahre verschlimmerten, subjektiv berichtet, aber konsistent genug, um aufzuhorchen.
Die Autor*innen ziehen daraus einen klaren Schluss, die gynäkologische Vorgeschichte gehört in jede Anamnese bei chronischer Erschöpfung, gerade weil sie in der bisherigen Forschung so stark vernachlässigt wurde.
Warum ein einzelner Bluttest zu kurz greift, die MELLOW-Studie
Parallel dazu läuft aktuell die MELLOW-Studie (ME/CFS + Long COVID Longitudinal Omics and Women’s Health), ein Forschungsprotokoll, das Anfang 2026 in npj Women’s Health veröffentlicht wurde. Ihr Ansatz ist deshalb bemerkenswert, weil sie zum ersten Mal nicht nur einen einzelnen Hormonwert an einem einzelnen Tag misst, sondern Hormonverläufe über den gesamten Menstruationszyklus und den Tagesrhythmus hinweg erfasst, bei Frauen im reproduktiven Alter mit ME/CFS, Long Covid und gesunden Kontrollen.
Im Zentrum stehen Cortisol, Aldosteron und DHEA, Hormone, die als schwankende endokrine Marker gelten und deren Zusammenspiel bislang kaum im zeitlichen Verlauf untersucht wurde. Die Grundannahme der Studie, weiblicher Körper bedeutet nicht nur andere Hormonwerte, sondern andere Rhythmen, in denen sich Erschöpfung zeigt.
Für die Praxis heißt das, eine punktuelle Momentaufnahme im Labor kann leicht ein völlig falsches Bild ergeben, wenn sie den Zyklus nicht mitdenkt.
Was ältere Forschung schon andeutete
Diese neuen Arbeiten stehen nicht im luftleeren Raum. Bereits 2011 zeigte eine Studie von Boneva und Kolleg*innen (Journal of Women’s Health), dass Frauen mit chronischem Fatigue-Syndrom in ihrer gynäkologischen Vorgeschichte auffällig häufiger von Beckenschmerzen, Endometriose und unregelmässigen Zyklen berichteten als Frauen ohne diese Symptomatiken. Diese ältere Studie wird in der neuen Salford-Studie von 2026 explizit als eine der wenigen bestehenden Arbeiten zu diesem Thema zitiert, ein Hinweis darauf, wie wenig sich in 15 Jahren an der Forschungslücke geändert hat.
Auch die Rolle der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) wurde 2024 in einem Übersichtsartikel (Zhang & Wang, Frontiers in Endocrinology) noch einmal zusammengefasst, mit dem Befund einer typischerweise abgeschwächten Cortisol-Tagesrhythmik und einer veränderten Stressantwort bei Menschen mit chronischer Erschöpfung.
Die Zahlen für Deutschland
Wie verbreitet ist das Problem überhaupt? Die RKI-Studie GEDA 2023 liefert hierzu die aktuellsten bevölkerungsbasierten Daten. Demnach liegt die Fatigue-Prävalenz bei Erwachsenen in Deutschland bei 29,7 Prozent, am höchsten bei den 18- bis 29-Jährigen. Frauen haben dabei ein signifikant höheres Risiko als Männer, ein um 19 Prozent erhöhtes relatives Risiko, unabhängig von Alter, Bildung, chronischen Erkrankungen oder Depressivität.
Was das für dich bedeutet
Diese Studienlage bestätigt etwas, das viele Frauen mit chronischer Erschöpfung längst am eigenen Körper spüren, Erschöpfung ist selten eine Frage eines einzelnen Laborwerts. Sie entsteht im Zusammenspiel aus Hormonachse, Zyklus, Nervensystem und oft auch gynäkologischer Vorgeschichte, die in der bisherigen Diagnostik kaum systematisch erfasst wird.
Genau deshalb lohnt sich ein Blick, der weiter geht als der Standardbefund.Der eben den Zyklus mit einbezieht, die HPA-Achse berücksichtigt und die individuelle Konstitution einbezieht. Das alte Wissen hat hier auch viel zu bieten und ergänzt die Thematik ganz wunderbar.
Möchtest du herausfinden, wo dein Körper aktuell steht?
Schreib mir dafür gerne einfach .
Quellen
Humphreys, G., Berry, E., Hayes, L.D., Jensen, S., Moodley, R., Gillman, J.C., Sanal-Hayes, N.E.M. (2026): Myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome and menopause: a scoping review. DOI: 10.1080/21641846.2026.2671625
Thomas, N., Huang, K., Schneider-Futschik, E.K. et al. (2026): A chronobiology-based protocol for multi-omic mapping of menstrual cycle and diurnal rhythms in ME/CFS and long COVID. npj Women’s Health, 4, Artikel 3. DOI: 10.1038/s44294-025-00120-9
Boneva, R.S., Maloney, E.M., Lin, J.-M., Jones, J.F., Wieser, F., Nater, U.M., Heim, C.M., Reeves, W.C. (2011): Gynecological History in Chronic Fatigue Syndrome: A Population-Based Case-Control Study. Journal of Women’s Health, 20(1), 21–28. DOI: 10.1089/jwh.2009.1900
Zhang, Y.-D., Wang, L.-N. (2024): Research progress in the treatment of chronic fatigue syndrome through interventions targeting the hypothalamus-pituitary-adrenal axis. Frontiers in Endocrinology, 15, Artikel 1373748. DOI: 10.3389/fendo.2024.1373748
Poethko-Müller, C., Schaffrath Rosario, A., Sarganas, G., Ordonez Cruickshank, A., Scheidt-Nave, C., Schlack, R. (2024): Fatigue in der Allgemeinbevölkerung: Ergebnisse der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA 2023). Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. DOI: 10.1007/s00103-024-03950-1
Entdecke mehr von Praxis für Erschöpfung| Heilpraktikerin-Apothekerin Öznur Acar
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